Sie sind hier: Startseite > Tierisch-Tierisch > Bauernhofgeschichten > Hektiko

Hektiko

Dreibein Hektiko

Heute möchte ich mich einmal zu Wort melden. Ich erzähle euch eine traurige, aber zugleich auch schöne Geschichte. Eine Geschichte, die jeden von uns zum Nachdenken anregen sollte, eine Geschichte mit Happyend … eben meine Geschichte!

Ich bin der Hektiko, ein Chinchilla-Männchen und lebe schon seit vielen Jahren im Tierkeller der Grundschule im Grünen.
Warum ich Hektiko heiße werdet ihr euch sicher fragen. Die Antwort darauf liegt bereits in meinem Namen.
Wir Chinchilla sind eigentlich eher nachtaktive Tiere, aber ich habe beschlossen, meine Aktivitäten auf den Tag zu verlegen. Schon allein aus dem Grund, da die Zweibeiner den ganzen Tag hier in unserem Keller beschäftigt sind und ich mittendrin rumwuseln kann … zumindest bis vor 2 Monaten.
Bis dahin hatte ich die Möglichkeit meine vielen Kumpels täglich zu besuchen.
Da ein Schwätzchen mit Chinchilla Joey hier oder ein bisschen flirten mit den Chinchilladamen Kissi und Fipsi. Ich war ständig auf Achse und immer dabei, wenn Neuankömmlinge im Tierkeller einzogen. Und wenn ich müde war, ging ich einfach zurück in meinen Käfig.

So gönnte ich mir mindestens zwei bis drei Stunden Auslauf pro Tag. Es war ein wunderbares Leben. Überall steckte ich meine kleine Nase rein und musste alles mitbekommen, was den ganzen Tag so passierte. Doch genau das wurde mir dann auch zum Verhängnis.

 

Es war ein schöner Sonntagvormittag.
Die großen und kleinen Zweibeiner waren wie immer damit beschäftigt, unsere Käfige sauber zu machen. Natürlich drehte ich auch an diesem Tag meine üblichen Runden im Keller.

Und da war diese große und schwere Metalltür, die ständig auf und zu ging, sie hatte mein Interesse geweckt. Was war da wohl hinter? Meine Neugier wurde so stark, dass ich beschloss, es an diesem Tag zu wagen.
Und schon kam meine Chance. Die Tür öffnete sich, ein kleiner Zweibeiner kam herein und ich rannte los ...

… aua, ein schrecklicher Schmerz überkam mich. Jemand schrie laut los und erst da merkte ich, dass ich mein kleines Beinchen nicht mehr spürte. Es war beim Schließen in der Tür eingeklemmt worden.
Jemand griff nach mir, hob mich hoch und ich sah die Panik in den Augen des Zweibeiners. Mein kleines Beinchen baumelte an meinem Körper und da bekam auch ich Angst. Unter Tränen telefonierte mein Zweibeiner ganz aufgeregt mit meiner Pflegemama Manuela. Dann wurde ich vorsichtig in einen Transportkorb gesteckt und Manuela holte mich mit dem Auto ab. Wir fuhren in eine Tierklinik, die auch am Sonntag solchen Exoten wie mir helfen konnte.


Als ich die traurigen Gesichter der Zweibeiner sah, nahm ich mir vor, so stark zu sein, wie ich es nur konnte. Ich hatte das Gefühl, dass sich meine Ruhe, meine leuchtenden Augen und meine Stärke auf meine Retter übertrugen. Obwohl ich wusste, dass ich etwas sehr Dummes getan hatte, bemühten sich alle mir zu helfen und ich wusste genau, dass sie alles tun würden, um mich gesund zu machen.

Ein älterer Zweibeiner im weißen Kittel untersuchte mein Beinchen, machte unter einem Apparat komische Schwarz-Weiß-Fotos von mir und stellte fest, dass der Knochen meines Hinterbeinchens von der Tür durchtrennt worden war. Es sah sehr schlecht aus und eine Operation war unumgänglich. Der Weißkittel sprach davon, einen Nagel einzusetzen, um so das Bein zu retten. Kurz danach lag ich schon auf einem großen Tisch und weiß nur noch, dass ich mit einer Maske komische Luft einatmete und schon schlief ich ganz fest ein.
Als ich meine Augen wieder öffnete, war mein Beinchen geschient und dick verbunden. Ups, mit dem Rennen wird es wohl die nächsten Tage nichts, dachte ich so.

Tja und die nächsten Wochen verbrachte ich meist nur im Sitzen oder Liegen. Alle paar Tage brachte mich Manuela zu dem zweibeinigen Weißkittel. Der schaute sich mein Beinchen an, runzelte die Stirn und machte einen neuen Verband drum. Langsam wurde ich wirklich ungeduldig. Ich dachte, wann lassen die mich endlich wieder laufen und springen? Doch immer wieder tuschelten der Weißkittel und Manuela mit ernsten Gesichtern miteinander. Was konnte ich nur tun? Ich aß all die leckeren Sachen, die mir angeboten wurde, ich war brav und gab mir Mühe nicht am Verband zu nagen. Aber trotzdem wurde mein Beinchen immer wieder neu geschient und verbunden.

Und so verging die Zeit.
Draußen war es eisig kalt und draußen fielen weiße, kalte Flocken vom Himmel. In meinem Pflege-Zuhause wurde ein Tannenbaum aufgestellt und mit bunten Kugeln geschmückt. Die Zweibeiner nennen das: Weihnachten.

Zu dieser Zeit belauschte ich ein Gespräch zwischen dem Weißkittel und Manuela. Der Knochen in meinem Beinchen war trotz aller Bemühungen nicht zusammengewachsen. Sie sprachen darüber, dass eine Entscheidung getroffen werden müsse. Eine Entscheidung? Was sollte denn entschieden werden? Ich wollte laufen, rennen, springen…

 

Die nächsten Tage verliefen sehr ruhig um mich herum. Immer wieder schaute Manuela nach mir, ich wurde oft gestreichelt und durfte auch ein wenig herumlaufen – auf drei Beinen, denn das Gebrochene schleifte ich nur hinter mir her. Ich fühlte mich sehr geborgen und mir ging es gut.

Aber das Beinchen war eine große Last, trotzdem ich ganz gut mit dreien vorwärts kam. Einen Tag bevor ein neues Jahr begann – die Zweibeiner nennen diese Zeit: Silvester, fuhren wir wieder zum Weißkittel. Der Verband wurde abgenommen und ich erfuhr, um was für eine Entscheidung es hier ging. Entweder musste der Weißkittel mein Beinchen amputieren und ich musste mit 3 Beinen weiterleben oder ich müsste für immer einschlafen.

Ihr müsst wissen, da ich ein Chinchilla bin, brauche ich die Hinterbeinchen zum Springen und Toben. Manuela sagte ganz ernst zum Weißkittel: „Ich bin überzeugt, Hektiko schafft das. Er hat es bis heute geschafft zu überleben, also schafft er es auch weiterhin.“ Und ich dachte auch, ich konnte mein Beinchen jetzt über sechs Wochen nicht benutzen und ich will leben. Mit meinen großen leuchtenden Knopfaugen schaute ich meine Manuela an und die Entscheidung war getroffen.

Wieder lag ich auf dem diesem großen Tisch und schlief durch diese komische Luft schnell ein.

 

Als ich dieses Mal die Augen öffnete, fühlte ich mich erleichtert. Scheinbar hatte ich es geschafft – und ich war ein Dreibein geworden. Meine ersten Gehversuche fühlten sich zwar ulkig an, aber siehe da, es klappte schon recht gut. Und um zu beweisen dass es mir gut ging, nahm ich dann erst einmal einen kleinen Imbiss zu mir, was alle Zweibeiner sehr erstaunte.
Natürlich tat es an der Stellen noch weh, wo vorher mein Beinchen war, aber die Hoffnung, eines Tages wieder zu meinen Freunden in den Tierkeller zurück zu dürfen, spornte mich an und weckte die alten Lebensgeister in mir.

Von Tag zu Tag ging es mir besser. Manuela und andere Zweibeiner strahlten und schienen doch sehr glücklich. Zwar musste die Wunde mehrmals am Tag gespült werden, was ich mit Meckern und Beißen zu verhindern versuchte, aber der Gedanke an den Tierkeller half mir immer wieder darüber hinweg.

Als mir Manuela erzählte, dass ein neuer Käfig für mich gebaut würde, war ich mega glücklich und die Aufregung wuchs von Tag zu Tag.

Dann endlich, nach über zwei Monaten durfte ich endlich zurück in meinen Tierkeller. Ich war so happy und der neue Käfig gefiel mir sofort. Ich stehe jetzt inmitten des Raumes und habe einen guten Ausblick auf all die anderen Ställe. Mein alter Freund, der Graupapagei Coco, kam mich sogar an der Käfigtür begrüßen.

Um es nun kurz zu machen, ich fühle mich jetzt wieder sauwohl und bin verdammt froh, zu Hause zu sein. Die Stelle, wo einmal mein viertes Beinchen war, muss zwar immer noch behandelt werden, aber nur noch einmal am Tag.

Und inzwischen habe ich an Gewicht ordentlich zugelegt und der erste Ausbruchsversuch ist mir auch schon gelungen. Ja, ja … schließlich sind meine Zähne alle noch topp in Ordnung und so habe ich mal eben ein kleines Loch in die Seitenwand genagt. So klein, dass meine 3 Beine und ich durchgepasst haben. Hi, hi, ich heiße eben Hektiko …

Okay, ich schwöre euch auch hiermit hoch und heilig, bei meinen Ausbrüchen passe ich in Zukunft besser auf und werde meine Neugier zügeln… wirklich, versprochen. Schließlich will ich noch viele glückliche und wunderschöne Jahre mit all meinen Freunden im Tierkeller der Grundschule im Grünen verbringen.

Euer Dreibein Hektiko
(Winter 2005/2006)


PS: Hektiko lebt mittlerweile mit seinem Freund Jojo zusammen in einem großen Stall im Tierkeller. Die beiden haben sich gesucht und gefunden.